Ein Jahr im Kreis
Ich spiele Fußball.
In der letzten Liga.
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Die lange Karriere des Miroslav Klose in der Nationalmannschaft.
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120minuten
Lange Fußballtexte wechselnder Autoren. Von und mit mir.
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Sonntag, 10. Mai 2015

Große Geste - FC Bayern verzichtet auf die Meisterschale

Ein Jahr ohne mindestens zwei Titel ist möglich, aber sinnlos. Zumindest beim FC Bayern München. Die aktuelle Spielzeit ist eine waschechte Seuchensaison: DFB-Pokal-(Rutsch)Aus im Halbfinale, minimale Chancen auf das Erreichen des Champions-League-Finals, aktuell 4 (in Worten vier) Pflichtspielniederlagen in Folge. Darüber täuscht auch der Gewinn des prestigeträchtigen Telekom-Cups im Juli 2014 und die verhältnismäßig spät errungene Meisterschaft nicht hinweg.

In München möchte man die aktuelle Spielzeit schon jetzt abhaken und den Meistertitel am liebsten gar nicht haben. Was nutzt er auch ohne einen 2. Pokal. Aus Insiderkreisen ist zu erfahren, dass man sich deshalb zu einer großen Geste entschlossen hat: Auf der Meisterschale soll für diese Saison nicht etwa "FC Bayern München" eingraviert werden. Der Verein möchte den vakanten Platz auf der Schale für einen wohltätigen Zweck versteigern. Dies sei ein ausdrücklicher Wunsch der Spieler, so heißt aus FCB-Kreisen.

2015 ohne die Bayern - die Meisterschale / von Florian K.
via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 
In Kürze startet eine offizielle Auktion, an der sich jedermann beteiligen kann. Hiesige Sportwettenanbieter und ein Münchner Saunaparadies haben bereits Interesse bekundet. Die Einnahmen der Auktion sollen der wohltätigen Vereinigung "Ehrgeiz ohne Grenzen" zu Gute kommen, die sich um die Nöte gefallener Topmanager kümmert.

Von der DFL war zu erfahren, dass man den Bayern ihren Wunsch nicht abschlagen könne in Anbetracht des prekären Saisonverlaufs. Auch Teile der Fanbasis des FC Bayern begrüßen den Schritt, so sprach ein Sprecher des Fanclubs "Nur das Tripel zählt" von einer "Aktion mit Signalwirkung die dem Anspruchsdenken des FCB entspricht".

Dieser Beitrag ist Satire

Donnerstag, 26. März 2015

Ohne Pause - Ein Jahr im Kreis #11

Die Lethargie der Winterpause - inneres Verrosten durchs Nichtstun. Nichtstunkönnen. Verlust sämtlicher Kondition und der Kontrolle über den eigenen Körper. Doch nicht in dieser Saison, nicht in diesem Jahr. Diesmal bin ich ehrgeizig, diesmal greife ich an und komme stärker wieder als in der ausgehenden Hinrunde. Ich werde fit sein, ich werde da sein, die anderen werden hecheln, ich die Außenlinie hoch- und runterlaufen. Tschakka!

So oder so ähnlich muss ich gedacht oder gefühlt haben, in dem Moment, in dem ich beschloss, mitten im Januar wieder ins Training an der frischen Luft einzusteigen. Mehr Wille als Mensch. Anders kann ich mir das nicht erklären. Wo war die mich sonst in den Wintermonaten auszeichnende Faulheit geblieben? Der Gedanke, dass ein Vergangenheits-Endreas der Kälte trotzend zum Training mitten in der kalten Jahreszeit aufkreuzte, befremdet mich. Ich schaue von außen auf mein jüngeres Ich und schüttele den Kopf: Wozu dieser nutzlose Ehrgeiz? Willst du wegen dem Kreisklassenfußball an einer Lungenentzündung sterben oder im Angesicht des Winters reinholdmessneresk deine Gliedmaßen erfrieren lassen? Damals wollte ich das so. Heute erscheint es mir wie die Besteigung des K2 ohne Sauerstoffmaske.

Mein Enthusiasmus wurde zum Glück ein bisschen ausgebremst. Zeittechnisch konnte ich immer nur den Trainingstermin wahrnehmen, an dem ausschließlich "meine" 4. Mannschaft trainierte - keine Trainingsgruppe 1 und 2 mehr, es würde wohl eher auf Trainingsgruppe 3 hinauslaufen. Und so ging ich auf gut Glück zu meiner ersten Trainingseinheit im neuen Jahr - wer wohl aufkreuzen würde? Nicht viele. Nur wenige Irre kamen auf die Idee, mitten im Januar an ihrer Rückrundenform arbeiten zu wollen. Ich kann nicht mehr genau sagen, ob wir zu viert oder zu fünft waren, aber so konnte man kein ordentliches Training machen.

Was nun? Zwei Stunden im Kreis laufen, sich stupide den Ball zuschieben oder auf die Taktiktafel starren. Das Alles, und vor allem der Punkt mit der Taktiktafel, wären hochnotpeinlicher Murks geworden. Es gibt sicherlich tolle motivierende Trainingsformen, mit denen man sich 2 Stunden in der Winterkälte beschäftigen kann - allein uns stand kein Konzepttrainer, besser gesagt überhaupt kein Trainer zur Seite. Zumindest kein Trainer wie man ihn sich im engeren Sinne vorstellen würde. Die 4. Mannschaft war eine sich selbst verwaltende chaotische und inhomogene Masse Mensch, die ab und an elf Mann für die Spiele zusammenbekam. Trainiert wurde autark mit spontan frei erfundenen oder abgekupferten Übungen, die manchmal sogar in Selbstkasteiung übergingen, wenn man im Kollektiv entschied, die Hälfte der Übungszeit auch Flanken mit links zu üben. Kurz gesagt: Nie im Leben hätten wir zu fünft ordentlich trainiert.

Aber da war ja noch jemand, der zur gleichen Zeit trainierte - das Frauen-Team. Komischerweise standen die Frauen selbst im Januar in Mannschaftsstärke zum Training bereit - inklusive zackigem Trainerstab. Man könnte, man sollte doch...ich war erstaunt, wie schnell und einstimmig die Entscheidung getroffen wurde sich der Trainingsgruppe anzuschließen. Auf dem Dorf, wo ich das Fußballspielen erlernt habe, hätte man diesen Lösungsvorschlag maximal im Scherz ausgesprochen, um sogleich ein paar stereotype Herrenwitze hinterherzuschieben. Hier war man glücklicherweise offener und sofort bereit, sich den Trainingsplatz mit dem anderen Geschlecht zu teilen.

Trotzdem keimte in mir etwas Unsicherheit auf. Waren die Mitspieler wirklich so offen, wie sie taten? War ich so offen, wie ich dachte, dass ich war? Oder steckte in mir ein kleiner Chauvi, ein Macho oder noch schlimmer...ein Mario Barth, der durch das Training zum Leben erweckt werden und seine hässliche Fratze zeigen würde?

Ich werde jetzt an dieser Stelle nicht lange Spannung aufbauen und beantworte die gerade rhetorisch gestellte Frage direkt mal mit: Nein! In dieser und den folgenden Wochen wurde es zur Gewohnheit, sich der Frauen-Trainingsgruppe anzuschließen, da wir weiterhin nur eine Handvoll Spieler waren. In der gesamten Zeit gab es nicht einen dämlichen Spruch oder Gehabe - weder auf dem Platz noch in der Kabine. Es ist natürlich skuril hier einen Zustand, der eigentlich Normalität sein sollte, als bemerkenswerte Begebenheit zu beschreiben. Aber ich war mir eben nicht ganz sicher, ob dieser Normalzustand erreicht werden würde.

Hatte ich eigentlich schon das zackige Trainerteam der Frauen erwähnt? Kondition schien der zentrale Gedanke der Trainingsphilosophie zu sein. Die Gegner sollten anscheinend in Grund und Boden gelaufen werden: Ausdauerläufe, Aufwärmläufe, Steigerungsläufe, Sprints und Intervallläufe (eine Mischung aus Ausdauerläufen und Sprints) waren fest im Trainingsplan verankert, sehr fest. 

Kondition, Puste für die Rückrunde - ich freute mich auf die Spiele im Frühjahr, aber noch mehr freute ich mich auf das Ende der Intervallläufe, wenn ich mich mal wieder keuchend, fast kriechend über den Platz schleppte, bis zum nächsten Sprint.



Freitag, 20. März 2015

Il Fenômeno auf Dreck - Ein Jahr im Kreis #10


Im Juli 2013 stellte ich fest:

Inzwischen, auch wenn einige Zeit ins Land gegangen ist, konnte ich meine Aussage widerlegen. Es ist mir gelungen, meine kleine Serie über eine Saison in der Kreisklasse weiterzuspinnen, langsam zwar, aber immerhin. Steter Tropfen. Für kommende Woche kündige ich hiermit mal vollmundig eine Fortsetzung an.

Bis dahin kann der geneigte Leser HIER die bisher auf diesem Blog erschienenen neun Texte durchstöbern. Text Nummer zehn erschien bei 120minuten, wo sich, wenn ich das richtig sehe, noch nicht einmal einhundert Augenpaare daran satt gesehen haben. Deshalb empfehle ich in Anbetracht der hier angekündigten Fortsetzung kommende Woche unbedingt die Lektüre von Teil 10 bei 120minuten:

Il Fenômeno auf Dreck

Eiseskälte, Aussätzige im Wald und ein Comeback nach Verletzung. Selbst ein Kellerduell in der Kreisklasse hält eine ganze Reihe von Geschichten bereit, die es wert sind, erzählt zu werden.



Montag, 16. März 2015

Minenfeld

Am Anfang meiner Recherche standen viele Fragezeichen - wer ist wer, was ist was?

Alles in Abchasien und Südossetien hat mindestens drei Namen - einen georgischen, einen russischen und einen abchasischen/ossetischen. Wie ich in meinem aktuellen Text einen Ort, einen Fluss, einen Fußballverein nenne, ist also schon fast ein politisches Statement. Nenne ich die größte Stadt Abchasiens "Suchumi" ist das der georgische Name und ich schlage die Stadt damit in gewisser Weise Georgien zu, was dem westeuropäischen Sprachgebrauch und auch der landläufigen Haltung, dass die Region, ihre Unabhängigkeit nicht anerkennend, Teil Georgiens ist, entspricht. Georgische Namen erkennt man in der Regel am "i" am Ende - Fans des SC Freiburg wissen, wovon ich rede.

Wenn man sich dann mit den Fußballklubs der Region befasst, kommt erstmal weitere Verwirrung auf - viele Klubs gibt es mehrmals - als Verein in der Region selbst und als Exilklub in Georgien. Viel Raum also für Verwirrung und Fehler gepaart mit einer dünnen Informationslage - kann das gut gehen?

Kurz nach der Veröffentlichung des Textes bekam ich postwendend Anmerkungen von meinem Interviewpartner aus Abchasien - ich hatte ihn mit einem Namensvetter verwechselt und ihm so einen Regierungsposten angedichtet, ich wusste außerdem nicht, dass der langjährige Präsident des wichtigsten Fußballklubs nicht mehr dessen Präsident war, ich war ebenfalls nicht korrekt über den Status des NATO-Beitritts Georgiens informiert und mein Größenvergleich Abchasiens mit Schleswig-Holstein würde Abchasien kleiner machen, als es ist.

Was mir darüber hinaus Sascha, ein Kenner der Region, mitteilte: meine Wortwahl bezüglich der "abgeriegelten" Grenze zu Russland war ebenfalls unpassend, da Russland zwar mit einer Schließung der Grenzen während der Winterspiele in Sotschi drohte, diese aber nicht umsetzte. Und die korrekten Bezeichnungen für alle Orte, Klubs und Flüsse habe ich wohl auch nicht durchgehend benutzt. Ein Minenfeld.

Aber das hat auch in gewisser Weise den Reiz des Themas ausgemacht. Inzwischen habe ich den Text entsprechend aktualisiert (Abchasien ist immer noch "etwas mehr als halb so groß wie Schleswig-Holstein"). Ich denke, auch wenn im Detail noch der ein oder andere Fehler steckt - der Text gibt einen Einblick in die Situation und den Fußball in der Region und wahrt dabei Objektivität. Deshalb - würde mich freuen, wenn ihr bei 120minuten vorbeischaut und reinlest:

bei 120minuten lesen: Im Niemandsland




Sonntag, 7. Dezember 2014

Verein ohne Namen

Update, 8.12.2014, 12:30 Uhr: Beim kommenden Europa League Spiel gegen Kiew und vorerst bis 15. Dezember darf Steaua wieder Steaua heißen und in der Winterpause eine endgültige Einigung zu den Namensrechten aushandeln:





Ich schiele ja immer so ein bisschen herüber auf den rumänischen Fußball, der viele Geschichten zu erzählen hat, denen es selten an Kuriosität mangelt und hinter denen oft halbseidene Machenschaften vermutet werden. So auch bei einer Gerichtsentscheidung vom Mittwoch.

Wie wäre es, wenn der FC Bayern München sich von einem Tag auf den anderen nicht mehr FC Bayern nennen dürfte, weil der Freistaat Bayern etwas gegen die Benutzung seines Namens durch ein Unternehmen hat? So ähnlich aber mit jeder Menge Irrungen und Wirrungen ergeht es dem erfolgreichsten Klub Rumäniens Steaua Bukarest gerade. Der darf nämlich seinen Markennamen Steaua bis auf Weiteres nicht mehr nutzen.

Hintergrund ist ein Streit mit dem gleichnamigen Armeesportverein aus dem der heutige Fußballklub hervorging. Zu Zeiten Ceaușescus war Steaua der Verein der Armee und profitierte von vielen einflussreichen Verbindungen, die die Nähe zu den bewaffneten Kräften mit sich brachte.

1996 sicherte sich der Armeesportklub die Namensrechte an "Steaua Bukarest". Im Jahr 1998 wurde die prestigeträchtige Fußballabteilung vom Verein gelöst und nach und nach von Investoren übernommen. George "Gigi" Becali übernahm sehr wahrscheinlich um 2003 herum den Verein, in dem er mehr als 50 % des Vereins erwarb und geriert sich seitdem als Sprachrohr Steauas (auch wenn er derzeit keine offizielle Position bekleidet), bestimmt die Trainer und trifft auch mal Entscheidungen der Kategorie "wir verpflichten ab sofort keine ausländischen Spieler mehr".

George Becali
Gigi Becali - By Vlad Hogea at ro.wikipedia
(cropped frop ro:File:Iasi01.jpg)
[Public domain], via Wikimedia Commons
Becali ist eine umstrittene öffentliche Person. Derzeit verbüßt er eine Haftstrafe, aufgrund von kriminellen Machenschaften beim Verkauf von Land Ende der 90er-Jahre. Vertreter des rumänischen Verteidigungsministeriums, dem der Armeesportklub unterstand, waren ebenfalls verwickelt.

Dieser Filz soll es Becali ermöglicht haben, 2004, die Marke "Steaua Bukarest" für seinen Verein eintragen zu lassen - trotz der bestehenden Eintragung. Somit konnte Becalis Verein das bekannte Logo, die Farben und den Namen für seine Zwecke nutzen, obwohl der Armeesportklub sich die Marke bereits 1998 hatte schützen lassen. Das Verteidigungsministerium tolerierte diese Vorgehensweise.

Ab 2011 versuchte der Armeesportklub dann gegen die Nutzung vorzugehen. Mehrmals scheiterte man vor Gericht und klagte sich durch die Instanzen. 2013 nutzte der Armeesportklub den Rechtsstreit um die Rechtmäßigkeit des Markenschutzes von 2004 und holte sich die Rechte an seinem Namen zurück. Das höchste rumänische Gericht entschied am 3. Dezember 2014, dass die Namensrechte beim Armeesportklub und nicht bei Gigi Becalis Fußballverein liegen und somit Name, Logo und Farben nicht mehr weiterbenutzt werden können. Revision ausgeschlossen. Möchte man also beim erfolgreichsten Verein Rumäniens weiter unter dem bekannten Namen auflaufen, muss man sich auf Lizenzgebühren für die Nutzung der Marke einigen, die man sich vor 10 Jahren einfach angeeignet hatte.

Im aktuellen Spielbetrieb sorgt das natürlich für allerhand Absurditäten. U. a. Emanuel Roşu war beim sonntäglichen Heimspiel des Vereins ohne Namen und hielt via Twitter auf dem Laufenden:











 

Donnerstag, 4. September 2014

Wohin führt das alles?

Kann man Fan der Nationalmannschaft sein, fragt Alex Schnarr bei 120minuten? Er vergleicht das Fan-sein bei der Fußballnationalmannschaft und bei einer Vereinsmannschaft.

Auf der einen Seite die Vereinsfans, die ihr Team in fast schon religiösem Ausmaß verehren und in ihren Tempel, das vereinseigene Stadion, pilgern.

Auf der anderen Seite die Unterstützer des Nationalteams, die die DFB-Elf als Vertreter Deutschlands wahrnehmen und deren offizieller Fan Club Nationalmannschaft von einem großen Brausekonzern gesponsert wird, der von oben gute Laune im Stadion verschreibt.


Ich frage mich, ob die "Fankultur" wie sie rund um die Nationalmannschaft etabliert wurde, nicht auch die Fankultur des Spitzenfußballs auf Vereinsebene werden könnte. Würde nicht jeder Bundesligist eine freundliche von oben verordnete Choreo, kritischen Äußerungen und z.T. derben Gesängen vorziehen?

Stört die uns geläufige Fankultur im Vereinsfußball nicht das Fußballgeschäft?
Sich in Vereinsbelange einmischende Fangruppen und das familienfreundliche Stadionerlebnis gefährdende Meinungsäußerungen sieht vermutlich kein Bundesligist gern. Wieso sollte ein Verein diesen Fans das Leben leicht machen oder sie sogar unterstützen? Zur Kernzielgruppe gehört diese überschaubare Anzahl an Sympathisanten eh nicht mehr. Die Zielgruppe sitzt auf den teureren Plätzen oder vorm Fernseher und möchte in erster Linie - leicht verdauliche Unterhaltung. Sollte ein Bundesligist dann besonders engagierten Fans nicht lieber Steine in den Weg legen als Türen zu öffnen? Oder versuchen mit einem vom Verein gesteuerten Fanklub den Support in geregelte Bahnen zu lenken. Dann wäre es wohl auf Dauer nicht mehr so weit her mit der religionsähnlichen Verbindung zwischen Fan und Verein.

Ich sehe diese Entwicklung nicht als den Untergang der Fußballwelt an. Ich sehe sie als logische Folge der Entwicklung der Bundesliga hin zu einer Interessengemeinschaft mittelständischer profitorientierter Unternehmen. Mir graut aber dennoch vor dem Irgendeinsponsor-Fanclub wie sie nach Vorbild des DFB-Teams etabliert werden könnten. Fankultur wie man sie heute kennt, wäre dann wohl nur noch ab Liga 3 abwärts zu finden.

Male ich hier gerade den Untergang der Fankultur in der Bundesliga im dunkeltsen Schwarz oder sind die Tendenzen längst da? Oder gibt es gar Vereinsanhänger, die ein ganz und gar gegenläufiges Gefühl haben oder sich niemals von ihrem Verein abwenden würden? Fragen über Fragen.


Montag, 4. August 2014

Ranrobben - Ein Jahr im Kreis #9

"Genesung" wäre das falsche Wort, um den Heilungsprozess meiner Knieverletzung zu beschreiben. "Abklingen" trifft es eher. Ganz langsam, kaum spürbar konnte ich mein Bein wieder besser bewegen. Über Wochen hinweg zog sich dieser Prozess bis zur (vermutlich) vollständigen Wiederherstellung meines Ausgangszustands, den ich als "halbwegs beweglich, konditionell mangelhaft" beschreiben würde.

Während ich mich auf mein Leid konzentrierte, wurde aus dem schlechten Start eine Gurkensaison, bei der schon im Oktober abzusehen war, dass es keinen Grund geben würde, sich ihrer, sagen wir in fünf Jahren, nochmal zu erinnern. Nichts von dem, was man sich vorgenommen hatte, schien einzutreten. Von wegen Spitzengruppe oder oberes Mittelfeld. In sieben Spielen war gerade mal ein Sieg gelungen. Peinlich.

Die genauen Gründe dafür, konnte ich nicht ergründen, denn "ich hatte keinen Kontakt zur Mannschaft". Es ist ja schon freaky genug, wenn man stundenlang durch die Gegend juckelt, nur um in der Kreisklasse zu spielen. Aber als humpelnde psychologische Unterstützung den Weg auf sich nehmen, wäre wohl einer Erklärung der eigenen Unzurechnungsfähigkeit gleichgekommen. So blieb mir nur die Ferndiagnose und meine wenigen Eindrücke von den Spielen, denen ich beigewohnt hatte.

Unter fehlender offensiver Durchschlagskraft hatten wir schon in den Vorjahren gelitten, das war nicht neu. Meine Mutmaßungen drehten sich um die Abwehr, die in dieser Saison von einem 18-Jährigen zusammengehalten werden sollte. Er und seine fehlende Erfahrung waren das Problem - da war ich mir sicher. Das Schöne an solchen Behauptungen im Amateurfußball: Niemand kann sie überprüfen. Keine Statistiken. Nirgends. Karten, Einsätze und Tore werden halbwegs zuverlässig gezählt, dann ist aber auch schon Schluss.

Damit ist Tür und Tor offen für die wildesten Theorien, wer wohl auf dem Platz für Erfolg/Misserfolg verantwortlich ist. Ich mochte meine Theorie von dem die Abwehr destabilisierenden Jungspund, der nicht mit uns redete und mir, das muss man sich mal vorstellen, das Kopfballspiel überließ. Ich war es gewohnt, dass meine Mitspieler das übernahmen, da man mir auf 100 m gegen den Wind ansah und ansieht, dass ich einen Fußball, wenn überhaupt, kontrolliert und getimt nur mit dem Fuß spielen kann. Alles andere - off limits.

Bei einer Saison von der man schon im Oktober wusste, dass sie wohl mit einem Platz im Mittelfeld der Tabelle enden und sich mit vielen zähen Spielen fortsetzen würde, stellt man sich natürlich die Motivationsfrage. Warum mache ich das überhaupt? Ist man verletzt und betrachtet das peinliche Treiben nur aus der Ferne, stellt sich diese Frage noch viel mehr. Für mich fiel die Antwort relativ eindeutig aus: ich wollte Sport treiben und außer Fußball kann ich nicht viel. Was blieb mir also anderes übrig, als mir einen Plan zu überlegen, um zurückzukommen.

Anders als im Leistungssport stellt sich in der Kreisklasse das Zurückkommen, das an die Mannschaft herankämpfen, viel einfacher dar. Von wegen, in Form kommen dauert so lange, wie die Verletzungszeit. Sobald man signalisiert, dass das Bein wieder halbwegs mit dem Oberschenkel verwachsen ist, wird man mangels Konkurrenz im Kader wieder auf den Platz geworfen. Eine Kondition, die es galt wieder aufzuholen, um den Vor-Verletzungszustand wiederherzustellen? Ja, so etwas gibt es, aber das Ausgangslevel vor der Verletzung, das es wieder zu erreichen gilt, ist so minimal...lassen wir das.

Auf jeden Fall rechnete ich mir gute Chancen aus, wieder zurück zu kommen und das besser als je zuvor. Durch regelmäßiges Training am Ball. Das wäre der Schlüssel. Kondition war nicht alles, wie ich ja schon festgestellt hatte. In mir reifte der Gedanke, mir ein regelmäßiges halbwegs koordiniertes Training zu organisieren. Mit Bällen, Mitspielern, Hütchen zum Umschießen, stinkenden zerfetzten Leibchen und dem ganzen Kram. Die Dynamik in der Trainingsgruppe würde schon dafür sorgen, dass ich regelmäßig etwas tun würde und nur so konnte ich mich Wettkampfbedingungen annähern. Da half kein Gejogge durchs Unterholz oder Gestocher auf dem Bolzplatz. Training muss sein.

Man hört vielleicht heraus - mit jeder Woche meiner Genesung wuchs meine Entschlossenheit nochmal "anzugreifen". Durch ein bisschen Disziplin musste es ja wohl selbst für mir möglich sein, in einem Kreisklassenfußballspiel gut auszusehen.

Mein innerlich über Wochen gereifter Plan entlud sich in einer Hauruck-Aktion. Ich öffnete an einem Dienstagnachmittag die Internetseite des Stadtteilvereins, der mich bereits vor einigen Jahren hatte mittrainieren lassen. Zufall 1: dienstags war Training, was genau genommen kein großer Zufall war. Aus meiner Erfahrung heraus würde ich behaupten, dass 98 % aller Amateurvereine am Dienstag und Donnerstag trainieren. Montag und Freitag passen nicht wegen der Nähe zu Spieltagen, würde man den Mittwoch wählen, müsste man montags oder freitags trainieren, um zwei Einheiten pro Woche zu schaffen. Zufall 2: Auf der Internetseite war die Telefonnummer von Trainer Maik Wortkarg (Name geändert) zu finden, den ich sogleich anrief:

Ich (aufgeregt): Ja, hallo, äh, hier ist Endreas. Ich habe gesehen, sie trainineren die 4. Mannschaft. Ich wollte mich so ein bisschen fit halten, bin Fußballer, hab immer gespielt im Verein und so. Ich spiele aktuell noch in der Heimat, also da wo ich herkomme, also nicht hier, aber ich könnte mir vorstellen, wenn alles passt, und ihr, äh, jemanden braucht, dann wäre ich gern dabei, würde mich jetzt aber erstmal fit halten. Geht das, dass ich einfach mal beim Training rumkomme und mittrainiere und dann schauen wir mal? 
Maik Wortkarg (wortkarg): Ja, komm einfach vorbei. 
Ich (euphorisch): Ok, dann bis später! 
Maik (ruhig): Hm.

Ich war also im Geschäft! Die Euphorie musste ich ausnutzen und machte mich auf den Weg zum Training. Vieles fand ich noch so vor, wie bei meinem letzten Stelldichein. Die okayen aber etwas zu kleinen Umkleiden, die bröckelnde alte Stehtribüne. Aber, o Graus! Wo war der schöne Hartplatz hin? Nun könnte man meinen, dass ein Hartplatz nicht gerade ein erstrebenswerter Traininguntergrund ist. Woche für Woche schürfte man sich die Knie auf und der Ball dotzt beim Aufspringen wie ein Flummi. Muss man nicht gut finden. Sehe ich eigentlich auch so.

Bei meinen letzten Trainingsaktivitäten hatte ich aber auch die heilsame Wirkung des Hartplatzes kennengelernt. Wer unter der Woche den Ball auf dem unnachgiebigen Untergrund beherrschte, für den war ein Rasenplatz am Wochenende eine Art Erleichterung. Nicht dass mich jemand falsch versteht und jetzt denkt, mir wäre durch die Übungseinheiten auf gewalzten Geläuf kein Ball mehr versprungen, aber die grüne, weichere Spielunterlage am Wochenende fühlte sich dadurch weniger feindselig an.

Weg war er also der Hartplatz. Ersetzt durch einen seelenlosen, stumpfen Kunstrasen, auf dem man sich die Knie genauso aufschürft, der aber ansonsten einen immergrünen, stets gleich gut bespielbaren und perfekt getrimmten Rasenplatz simulierte. Ein Trugbild zumindest was die bevorstehenden Pflichtspiele und die mich dort erwartenden Rasenbedingungen anging.

Beim Betreten des Sportplatzgeländes schwang natürlich auch etwas Aufregung mit. Würde man jemanden wiedererkennen? Wie wird der Empfang ausfallen? Und vor allem: Hoffentlich falle ich nicht durch zur Schau gestellte fortgeschrittene Unfähigkeit auf.

Die Sache mit dem Wiedererkennen konnte ich für mich relativ schnell mit einem klaren Nein beantworten. Komplett neue Gesichter waren hier in der Kabine und auf dem Platz versammelt. Zunächst probierte ich noch, die Langform meiner Vereinsfindung zu erläutern: Früher schon mal hier gewesen, und jetzt verletzt, will wieder fit werden und könnte mir Wechsel vorstellen. Das Desinteresse an meinen ausschweifenden Erläuterungen nahm ich nach wenigen Anläufen zur Kenntnis und beließ es ab da bei einem beherzten "Endreas".

die bröckelnde Stehtribüne kam mir bekannt vor
Symbolbild mit freundlicher Genehmigung von Sasa 1)

Das allgemeine Interesse der Trainingspartner an ihren Mitmenschen schien sich generell in sehr engen Bahnen zu bewegen. Es gab etwas Grüppchenbildung und in ihnen gelegentliche Kommunikation. Ich interpretierte das weniger als Feindseligkeit sondern vielmehr als Ausdruck der großen Fluktuation was die Trainingsteilnehmer anging. Die meisten Kandidaten schienen sich gerade so beim Vornamen zu kennen. Zu oft schien hier das Personal zu wechseln. Niemanden interessierte es zunächst, wenn ein Neuer "jetzt mal mittrainierte".

Ich wurde erstmal in die "Trainingsgruppe 2" für Mannschaft 3 und 4 gesteckt. Ein gefühlter Abstieg. Bei meinem ersten Anlauf vor Jahren hatte es nur 2 Mannschaften und eine Trainingsgruppe gegeben. Auch wenn ich damals merkte, dass die Mitspieler mir überlegen waren - so schlecht aufgehoben fühlte ich mich dort nicht. Man wächst oder schrumpft ja schließlich an seinen Aufgaben und im Training schlecht aussehen, war für mich in gewisser Weise okay gewesen. Schließlich lief ich außer Konkurrenz.

Jetzt also Training mit Team 3 und 4 - zumindest dienstags, denn da hatte man sich explizit verabredet. Am Donnerstag "musste" dann mit der anderen Trainingsgruppe trainiert werden. Ein Umstand den ich fortan öfter ausnutzte und am Donnerstag zum Training anrückte. Konnte ich da Genervtsein gepaart mit Mitleid ausmachen, wenn ich in die Gesichter der Mitspieler aus Mannschaft 1 und 2 vor dem Training blickte? Ein "Kannst du dich eigentlich bei deinem Gestümper sehen?" oder ein "Schämst du dich denn gar nicht, an deiner Stelle würde ich mich in einem tiefen Loch verkriechen oder bei der nächsten Thekenmannschaft als Auswechsler anheuern?"

Selbst wenn ich solche inneren Einstellungen (neben der üblichen Gleichgültigkeit) in den Gesichtern hätte ablesen können - ich schaute darüber hinweg und es war mir letztendlich auch egal, was irgendwelche Amateurkicker über mich dachten. Sollten mal schön vor ihrer eigenen Haustür kehren. Bei meinem letzten Trainingsintermezzo hatte man noch stramm den Aufstieg angepeilt. Jetzt, Jahre später, dümpelte man immer noch in der gleichen Liga herum. Nicht selten hörte man die Mitspieler von den ach so starken gegnerischen Teams und der schwierigen Saison sprechen. Würde wohl wieder nix werden mit dem Aufstieg trotz 3 Paar Schuhen, die den Wetter- und Stimmungsverhältnissen entsprechend vor jedem Training ausgewählt wurden. Hatte ich schon erwähnt, dass ich solche Eitelkeiten in guten Momenten dulde, sie mir aber sonst gehörig auf den Sack gehen? Naja, musste ja jeder selber entscheiden, wie er sich der Lächerlichkeit preisgab. Ich eben mit meinem konditionellen Underperformen und gurkigen Flanken und die mich belächelnden Typen mit Möchtegernprofiattitüde (diese beiden Gruppen überschnitten sich, seltsam) in der obersten Stadtklasse, oder wie auch immer das hieß, wo sie spielten.

Jedenfalls war Donnerstag für mich immer Zahltag. Auch wenn keiner wirklich etwas sagte, hier wurden alle meine Schwächen schonungslos aufgedeckt. Ich war bei irgendwelchem 5-gegen-3-Quatsch peinlich schnell aus der Puste und folglich gefangen in meiner Rolle als nach dem Ball häschender Jogginghosenzombie. Bei Sprintübungen und dem ganzen Intervallsprint-Gedöns ging mir dann nicht nur die Puste aus sondern auch meine Langsamkeit kam gut sichtbar zum Vorschein. Jeder, aber auch wirklich jeder, schien schneller zu sein als ich. Und das obwohl Schnelligkeit eine meiner Grundeigenschaften (gewesen) war. Blöd, wenn einem fast jeder Mitspieler auf 25 m 5 m abnimmt und selbst Enddreißiger einen locker in die Tasche stecken. Hart.

Die nächste Steigerungsform waren die Übungen, die mit diversen Läufen über das halbe Spielfeld, Flanken und Torabschlüssen zu tun hatten. Meine Langsamkeit fiel dabei nicht so sehr auf. Aber meine Unfreshness, mein schwacher Torabschluss und meine eingerosteten Füße machten diese Übungen nicht nur für mich zur Qual, sondern auch für diejenigen, die mit mir in einer Gruppe waren und denen ich regelmäßig an den 16-er kullernde Flanken "lieferte" und deren Flanken ich wiederum entweder gar nicht erst erwischte (Kopfballspiel) oder kläglich vergab (Ball kullert 3 m am Tor vorbei).

In den Trainingsspielen kam ich mir nicht ganz so hilflos vor, lief viel, beackerte eine Außenbahn und bot mich an. Die Mitspieler, nicht nur die mit Möchtegernprofiattitüde, ignorierten mich aber verständlicherweise. Meinen Kredit hatte ich schon während der Übungen aufgebraucht. Und so bekam ich relativ selten den Ball und konnte das Abschlussspiel eines jeden Trainings als Laufeinheit abhaken.

Was mir einigermaßen lag, waren die Passübungen auf engstem Raum: Nimm den Ball an, spiel einen kurzen Pass und laufe über verschlungene Wege irgendwohin. Wie oft hatte ich solche Übungen in jungen Jahren machen müssen, fest davon überzeugt, dass sie mich für meine spätere Fußballkarriere stählen würden. Motiviert hatte ich gepasst und lief mal hierhin, mal dorthin ohne den Sinn des Ganzen in Frage zu stellen. Ja klar, wer keinen Kurzpass auf 3 m spielen kann, der sollte vom Fußball lassen. Darüber hinaus dachte ich mir, dass, wenn ich die Übungen nur genau genug und motiviert ausführen würde, meinem kometenhaften Aufstieg nichts mehr im Wege stehen würde. Jugendliche Naivität.

In meiner Fußballrealität zählten jetzt andere Werte - Kraft, Ausdauer, Durchsetzungsvermögen. Da nutzten mir meine millimetergenau gespielten Pässchen aus dem Lauf rein gar nichts. Ich schob mir nunmal nicht mit Cruyff & Co. das Bällchen zu. Mein Metier war es eher, hinter hoch weggebolzten Bällen herzuwetzen oder scharf auf Kniehöhe geschlagene Verlegenheitspässe annehmen zu müssen. Nebenbei bemerkt, meine Kurzpassqualitäten möchte ich nicht mit Cruyff & Co. vergleichen. Denn mit den Pässchen aus dem Lauf war es schnell vorbei, sobald ich aus der Puste kam. Also in so ziemlich jeder Situation außerhalb der kleinen Pass-und-Lauf-Übungen.

So wurschtelte ich Woche für Woche donnerstags mit und wurde von den Mitspielern als hoffnungs- aber auch harmloser Geselle betrachtet. Niemand sagte ein böses Wort und ihre Häme, falls vorhanden, verbargen sie zum Großteil vor meinen Ohren und Augen. Ich lies mich in den nächsten Wochen nicht von meinem Ziel, wieder "fit" zu werden abbringen und kam tapfer und regelmäßig zum Training.

Kontrastprogramm war dann immer dienstags angesagt, wenn ich mit "Trainingsgruppe 2" trainierte. Schon als ich das erste Mal zum Aufwärmen auf den Platz kam, erschienen mir die Bewegungen der Spieler aus Mannschaft 3 und 4 seltsam. Seltsam ungelenkt und unkoordiniert. Ungelenker und unkoordinierter als meine eigenen! Mein erster Eindruck sollte sich schon bei der initialen Übung bestätigen. Alle Trainingsteilnehmer standen sich nach dem individuellen Aufwärmen* aufgereiht gegenüber. Sechs auf der einen Seite, sechs auf der anderen - dazwischen ungefähr 5 m Luft. Nun kam ein Ball ins Spiel bzw. sollte ins Spiel kommen. Das Leder sollte einfach nur von Spielerreihe A zu Spielerreihe B gepasst werden, gefolgt von einem kleinen Sprint zur anderen Seite. Das schien den Mitspielern schon relativ viel abzuverlangen. Immer wieder verfehlten die Pässe meilenweit ihr Ziel und Müßiggang stellte sich ein. Die ausbleibenden Sprints zur anderen Seite wurden zumindest durch halbwegs engagiertes Ballholen wieder ausgeglichen. Die Gruppe schien mir nicht sonderlich verwundert über den kläglichen Verlauf dieser doch eigentlich einfachen Übung. Es brandete Applaus auf, wenn mal fünf Pässe hintereinander ankamen.

Die Trainingseinheiten gestalteten sich in Trainingsgruppe 2 dementsprechend zäh. Wie sollte auch ein ordentliches Training möglich sein, wenn man schon an so überschaubaren Aufgaben scheiterte. Alle komplexeren Trainingssituationen waren überaus schwer zu ertragen. Wenn der Ball nicht nur von A nach B gepasst, sondern von A nach B gepasst, dann lang die Grundlinie heruntergespielt und im Anschluss geflankt werden sollte, konnte man kaum einen Spielzug zu Ende bringen. Irgendjemand, ich natürlich eingeschlossen, würde den Ball schon verstolpern.

Das Training mit Gruppe 2 war folgerichtig weniger intensiv, aber fußballerisch, so ehrlich musste ich zu mir selbst sein, war das genau meine Kragenweite. Soll niemand auf die Idee kommen, dass ich da fußballtechnisch irgendwie herausgestochen hätte - außer vielleicht mit meinem linken Fuß. Mit meinen verstolperten Bällen und laschen Flanken war ich hier genau richtig. Nur war es ziemlich schmerzhaft, sich das in der Gesamtheit anzutun. Wenn eine Lusche immer mal wieder die Übung sprengt - in Ordnung. Aber wenn eine Ansammlung davon permanent am Bälleholen ist...

Nichtdestotrotz gewann ich auch diesen Einheiten etwas fußballerisch Wertvolles ab: ab und an kam ja doch mal ein Pass an und gelaufen wurde immer. Ich schaffte es, mehrere Wochen ziemlich diszipliniert hintereinander sowohl Trainingsgruppe 1 als auch 2 einen Besuch abzustatten und baute, so bildete ich mir das ein, nach und nach Kondition und Ballsicherheit auf. Ein gutes Gefühl. Und je länger man dabei war, desto weniger fiel man im Training bei Gruppe 1 mit Gurkenbällen auf. Es schien sich also tatsächlich Besserung einzustellen. Das komisch distanzierte Verhältnis zwischen den Spielern blieb bestehen. So richtig aufgenommen fühlte ich mich nicht. Ich hätte eigentlich mit aggressiven Abwerbungsversuchen hin zur 4. Mannschaft gerechnet, schließlich wurde bei jedem Training über die miserable Personalsituation debattiert. Nicht mal anstandshalber erwähnte man meinen möglichen Transfer zur Gurkentruppe. Aber das war mir egal. Ich war wieder da! Ich würde noch in diesem Jahr wieder in der Kreisklasse spielen! In meiner eigenen Gurkentruppe!


*individuelles Aufwärmen ist eine euphemistische Beschreibung des Dämmerzustands vor Trainings- oder Spielbeginn. Individuelles Aufwärmen geht oft einher mit angetäuschten Laufeinheiten, kraftlosen Schüssen, die dennoch kilometerweit das Tor verfehlen und wichtigen Gesprächen, die sich oft um die Gelage vom vergangenen Wochenende drehen. Individuelles Aufwärmen erfolgt nie zielgerichtet oder unter Anleitung. Es ist, in seiner Gänze betrachtet, eine Art Brownsche Bewegung von Bällen und Beinen, die ziellos über den Platz wabern.




1) Sasa ist Groundhopper und stellt auf seinem Blog seine Bilder aus den Stadien Serbiens vor - die Veröffentlichung hier erfolgt mit seiner Genehmigung - vielen Dank!